Wenn Neoliberalisten einen anderen Menschen beleidigen wollen, klingt das oft seltsam. Einen „Gutmenschen“ nennen sie das Gegenüber dann gerne. Sie verhöhnen andere häufig als „tugendhaft“ oder „weichherzig“, was im Grunde nichts anderes verdeutlichen soll als einen Überschuss an Herzlichkeit, der offenbar nicht mit ausreichend Verstand einhergehen kann. Die auf diese Weise angegriffene Person ist dann in der Regel viel zu verwirrt, um etwas zu entgegnen. Seit wann heißt „gut“ denn schlecht“, fragen sie sich wohl vollkommen zu Recht.
„Es ist eine ideologische Neubesetzung von Begriffen, die es uns schwermacht, überhaupt noch außerhalb dieser Ideologie zu diskutieren. Das kommt dem nahe, was Orwell sich mit seiner Idee von „Neusprech“ vorgestellt hat“, sagt Anatol Stefanowitsch, Professor am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin und Mitbegründer des sprachlogs.
In Orwells Neusprech gibt es das Wort „schlecht“ übrigens gar nicht. In Neusprech heißt es „ungut“. Denn Neusprech ist eine Sprache, geschaffen von einem Regime mit dem politischen Hintergrund, die Sachverhalte so weit zu verkürzen, bis dem Volk die Worte fehlen, um Unrecht zu erkennen und aufzuzeigen. Die Verklärung von Begriffen wie „sozial“, „Gutmensch“ und „moralisch/ethisch“ im derzeitigen politischen Betrieb ist nichts anderes als diese gefährliche Verschiebung unserer Wahrnehmung.
Wenn Frau Merkel behauptet, Europa sei keine Sozialunion, so sagt sie damit im Grunde nicht viel weniger, als dass Europa asozial sei. Tatsächlich ist diese Realität an vielen Stellen auszumachen, wenn es zum Beispiel um die Aufnahme von Flüchtlingen geht, die immer größer werdende Bildungsungerechtigkeit oder die Schere zwischen Arm und Reich. Nichts daran ist gelogen, aber es sollte uns aufmerksam werden lassen, dass „Mutti“ so etwas sagen kann, ohne dass es die Forderung nach sich ziehen müsste, dass wir das schleunigst ändern sollten. Und auch hier erleben wir wieder diesen tückischen Dreh mit der Sprache, denn eine Mutti ist doch wohl jemand, der es gut mit uns meint und der einfach immer etwas mehr über das Leben weiß als wir selbst. Mutti wird es schon richten. Unserer Mutti können wir vertrauen, wenn sie sagt, dass wir jetzt nicht mehr sozial sein können. Was wissen wir Kinder schon? Es kann nicht schlecht sein, asozial zu sein, wenn die verniedlichte Form einer starken Vertrauensperson so etwas für rechtens hält.
theeuropean.de
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by ploerre via MyTFMRSS
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